wachswarenfabrik jegge + Co

Die einstige Wachswarenfabrik Jegge + Co in Sisseln erlebte nach der Gründung auf der Schwelle zu den fünfziger Jahren einen rasanten Aufstieg. Von einem Brand wollte sie sich nie mehr so recht erholen. Im Jahre 1961 war das Schicksal der Firma offiziell besiegelt; Teil 2 (Schluss).

 

«Er herrschten für Jegge + Co damals gute Zeiten», berichtete Paul Schmid, der ab 1958 als Büroleiter die Administration der Wachswarenfabrik leitete. «Brogles Söhne und der grosse Kerzenhersteller Balthasar in Hochdorf LU waren zu jener Zeit Hoflieferanten der neu aufkommenden Migros, was die bestehenden Detailgeschäfte gar nicht goutierten.



Von diesem Umstand konnte Jegge + Co profitieren.» Jegges Abnehmer waren neben Usego und Drogerien der Konsumverein, Liga und andere Grossverteiler jener Zeit. Es seien mit der Zeit nebst Wachswaren auch Badezusätze produziert worden. Letztere fanden dank der Vermittlung durch einen Sissler Swissair-Piloten bis nach Schweden Absatz. Fritz Jegge sei ein «Chrampfer» gewesen, erinnerte sich Paul Schmid, er habe sich wenig um das Administrative oder um das Finanzielle gekümmert, sondern lieber um die Produktion und die Absatzmärkte. Nicht zu eruieren ist die Zeitspanne, in der die Kerzenfabrik expandierte. Sie muss in den besten Zeiten um die 60 bis 70 Mitarbeitende beschäftigt haben. Aus Platzgründen seien Teile der Verpackerei nach Densbüren ins Gebäude des alten Schulhauses verlegt worden. Von wann bis wann der Platz dort beansprucht worden war, ist dem Verfasser leider nicht bekannt. Jedenfalls wurde dort nur sporadisch, meist auf Weihnachten hin, gearbeitet.

 

Kindheit in der Kerzenfabrik

Die Tochter des Firmengründers Fritz Jegge, Maria Wirz, erinnert sich mit liebevoller Wehmut an die Zeit zurück. Zusammen mit ihren Geschwistern habe sie in der neuen Fabrik fast ihre ganze Kindheit verbracht, mit den Eltern, inmitten der Kerzen, Maschinen und freundlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie hätten helfen können die Kerzen zu verzieren. Sie seien dort zuhause und gut aufgehoben gewesen, sagte sie. Vater sei streng, aber herzensgut gewesen und habe peinlichst auf korrektes Auftreten geschaut. Sie erinnert sich auch gut an das Goggomobil TS 250 Coupé Sport von Paul Schmid, ein kleinwüchsiger schnittiger Audi, für den Fritz Jegge extra eine Rampe zum gedeckten Vorbau erbauen liess, damit das Gefährt nicht der Witterung ausgesetzt war. Jegge fuhr selber einen 1949er-Chevrolet. Oft  begleitete ihn der junge Chauffeur Anton Rebmann aus Kaisten, der sich ebenfalls an jene Zeit erinnert: «Ich hatte einen VW-Bus, mit dem ich die Schachteln mit Kerzen von der Fabrik zur Post oder zum Bahnhof Sisseln fuhr und dort aufgab oder dann Wachslieferungen abholte.» Auch Rosmarie Hasler aus Hellikon, geborene Windisch in Sisseln, erinnert sich gerne an die von 1954 bis 1958, in der sie in der Kerzenfabrik Jegge beschäftigt war; als Briefkopf über dem lobenden Arbeitszeugnis prangt nicht etwa eine brennende Kerze, sondern das moderne Fabrikgebäude. Bernhard Schwarb, Münchwilen, begann am 1. April 1960 bei Jegge + Co seine kaufmännische Lehre. Für das zweite und dritte Lehrjahr dislozierte er bereits zur «Konkurrenz», zur Firma Brogles Söhne. Seiner Erinnerung nach hatte er beim Eintritt bei Jegge von einem Brand gehört. Folglich muss dieser bereits Juli 1959 gewesen sein. Dasselbe vermutet auch alt Gemeindeammann Wilfried Käser, dessen Vater Werkleiter bei Brogles Söhne war.

 

Prospekt «Jeco» Kerzen

In einem undatierten Kerzenkatalog werden zuerst sich nach oben verschlankende («Peitschenform») oder verquirlte Kerzen als «Renaissance-Kerzen» in verschiedenen Farben oder Bienenwachs, glatt oder handmodelliert, angepriesen. Die folgenden 35 bis 60 cm Durchmesser dicken Salon-Kerzen sind zumeist verziert oder jene aus Bienenwachs handmodelliert. Das heisst, entweder wurden mittels Kneifzangen Muster eingezwickt oder mit Holzspachteln eingeritzt, nachdem man die Kerzenoberfläche über einer Flamme aufgeweicht hatte. Es folgen dicke und hohe Schwedenkerzen, die auf kunstvolle handgeschmiedete Ständer gespiesst sind. Von einiger Innovationskraft zeugen die von Jegge entwickelten Leuchtkerzen aus aufgeschäumtem durchschimmerndem Wachs, aber auch selber geschaffene Figuren-Kerzen mit Sujets wie Pilz, Herz oder Bäumchen. Zu den durchleuchtenden Kerzen gehören die von Hand bemalten; als Sujets sind Hirsch mit Hund, Enten, Bergkreuz und Fisch aufgeführt, auf Wunsch würden auch Spezialmotive nach Vorlage ausgearbeitet. Wunderschöne wachsverzierte Leuchter-Kerzen in Zylinder- und Peitschenform, Baumkerzen, Rechaudkerzen, Tauf- und Kommunionkerzen sowie Bodenwichse «Frisca» und Möbelpflegemittel «Rheina» zeugen von einer breiten Produktepalette. «Unsere Spezialität sind nicht Massenartikel, obwohl wir auch Haushaltkerzen und Christbaumkerzen zu günstigen Preisen liefern, sondern vor allem die schönen und mit viel Liebe hergestellten Zierkerzen zu vernünftigen Preisen», steht im Katalog.

 

Brand Juli 1959 oder Juli 1960?

Getrübt gewesen sei die spätere Zeit einerseits durch Zwistigkeiten mit seinen Geldgebern, hauptsächlich mit Richard Scholl. Andererseits versetzte das Brandereignis der Wachswarenfabrik Jegge + Co einen empfindlichen Tiefschlag: Im Juli 1960, möglicherweise ein Jahr früher, ist nach übereinstimmender Aussage von Maria Wirz und Paul Schmid im Lagerkeller ein Brand ausgebrochen. Vermutlich hat ein elektrischer Kurzschluss in der ölgeschwängerten Atmosphäre den Mottbrand herbeigeführt, mutmasste Maria Wirz. Die Folge: Eine Halbjahresproduktion sei vernichtet worden, meterhoch sei das Wachs im Kellergeschoss zu einem riesigen Klumpen erstarrt.

 

Verkauf der Fabrik 1961

Die Produktion sei nach dem Brand nie mehr auf Touren gekommen. Gleichzeitig habe der Basler Chemieableger Roche mit seinen Landkäufen im Fricktal begonnen. Die Geldgeber der Jegge + Co hätten nicht lange gefackelt und die Fabrik samt Areal im Jahre 1961 verkauft. Es ist das heutige Büro- und Lagergebäude 1 des ausgedehnten Firmenkomplexes von DSM, dem niederländischen Unternehmen Koninklijke DSM N.V., ein international tätiger Konzern, der Industriechemikalien, Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine herstellt. Wie sich Paul Schmid erinnert, sei die Meldung ziemlich unsanft erfolgt: Eines schönen Tages sei Direktor Möller von Brogles Söhne ins Büro getreten und hätte mit knappen Worten verkündet, Jegge + Co habe soeben mit Brogles Söhnen fusioniert; er, Schmid, habe umgehend die Liquidation einzuleiten, was dieser auch tat. Das Fusionsgebilde ging an die Luzerner Kerzenfabrik Balthasar, womit die meisten Arbeitsplätze in Sisseln erhalten blieben.

 

Zuhause weiter produziert

Fritz Jegge scheint in der Folge zuhause in reduziertem Rahmen weiter produziert zu haben. So ist Maria Wirz im Besitz von Rechnungen aus dem Jahre 1968. Einerseits wird ihm von Emil Weisser und Co. aus Basel für 500 kg französisches Tafelparaffin vollraffiniert und rund 100 kg feingranuliertes Stearin in vier Säcken Rechnung gestellt, das Paraffin für 71 Rappen je kg, das Stearin für das Doppelte. Andererseits hat ihm Robert Keller von der Kunstschlosserei Rekingen AG für zwei schmiedeeiserne Kerzenhalter 50 Franken in Rechnung gestellt, plus 5,4% Wust, macht Franken 52.70. Wahrscheinlich hat Fritz Jegge in diesem Jahr mit der Kerzenherstellung aufgehört. Er starb 1988.

Tochter Maria Wirz heiratete und wirtete im «Unteren Tor» in Lenzburg. Zusammen mit ihrem Gatten konnte sie im Oktober 1982 den «Bären» in Bözberg erwerben, wo sie heute noch täglich die Gäste begrüsst. Johanna ist verheiratet mit Josef Gut und lebt in Densbüren, wo die Wachswarenfabrik eine Zeitlang eine Verpackerei-Ablage betrieb. Fritz Jegge-Bottlang arbeitet in der Amag Birrfeld und lebt mit seiner Familie in Villnachern.

 

Auch die Wachswarenfabrik Brogles Söhne brannte

Fast hundert Jahre vor Fritz Jegge, im Jahre 1856, gründete in Sisseln Hermann Brogle die Wachswarenfabrik für Kirchenkerzen, die ersten aus Bienenwachs. Nach seinem Tod 1885 übernahmen seine Söhne Emil und Theodor, die erfolgreich in die Produktion von Bienenwaben für die Imkerei einstiegen. Die Brüder starben 1909 und 1910, worauf die jeweils ältesten Söhne, Emil und Hermann, die Firma weiterführten. Ab 1915 kam eine Hautcreme «Brogles Bienenwachscreme» dazu, 1920 die Bodenwichse «Browa», später die Bodenbeize «Belpina» und ab 1935 Schuhcreme. Um 1945 herum beschäftigte das Unternehmen gegen 50 Personen. Am 26. Januar 1946 wurde bei einem Brand eine für die Fabrikation benützte Liegenschaft zerstört. In einem entsprechenden Zeitungsbericht steht, das Feuer habe auf den Landgasthof zum Adler übergegriffen, der vollständig abgebrannt sei. Dagegen stehen einige Aussagen, die beiden Feuer seien zeitlich weit auseinander gelegen. Eher zur Verwirrung als zur Klärung trägt auch der Beitrag über Sisseln von Historiker Paul Hugger in «Fricktaler Volksleben» von 1977 bei, in dem er beschreibt, das Gasthaus sei in Flammen aufgegangen und hätte auf die Nebengebäude übergegriffen, in welchen die Kerzenmacherei Brogle ihre Fabrikation hatte. Es seien nach der Schilderung der Augenzeugen «glühende Wachsströme die Strasse hinunter gelaufen». Der Neubau der Fabrik und ein Preissturz hätten das Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht, und 1951 habe die Kerzenfabrik Balthasar & Co, Hochdorf, den Sissler Betrieb übernommen und weitergeführt. Damit war der Fortbestand der Firma gesichert. Bis ins Jahr 1955 war das Sortiment um Parfümerieartikel, kosmetische Artikel und chemisch-technische Produkte erweitert worden. Der Betrieb gelangte bis gegen Mitte der siebziger Jahre zu neuer Blüte und zählte wieder bis zu 50 Mitarbeitende. Bis Ende 1976 erfolgte die Konzentration der Produktion nach Hochdorf, wo die Firma über 250 Mitarbeitende beschäftigte, was für den Sissler Betrieb in besagtem Jahr das endgültige Aus bedeutete.

Paul Hugger erwähnt im gleichen Beitrag noch eine dritte Sissler Kerzenfabrik, jedoch nicht namentlich. Man vermutet, es habe sich um einen zweiten Betriebsstandort der Firma Brogle gehandelt.