Wem ist das Sissila wie viel wert?

Mindestens 250 000 Franken operatives Defizit jährlich beschert das Hallenbad Sisseln seinen Steuerzahlern. Mit einem ab 20.  August gültigen Neukonzept will der Gemeinderat die  Jahresverluste um rund 100 000 Franken senken.

Für den Sissler Gemeindeammann Rainer Schaub ist das Hallenbad Sissila Chefsache. Nachfolgend begründet er die Einführung eines neuen Betriebskonzepts auf den 20. August 2018 und dessen Ausgestaltung und geht auf Kritikpunkte und eine Petition der Eltern von Jugendlichen der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) Sektion Fricktal ein, die sich gegen das Neukonzept stemmt. Was ändert sich für die Benutzer? Was ändert sich für das Personal? Was ändert sich für die Gemeinde?

Warum ein neues Betriebskonzept?
Um diese Frage zu beantworten, muss man das Rad der Zeit etwas zurück drehen, ins Jahr 2011. Damals stemmte das Dorf 4,2 Millionen Franken Sanierungskosten für das Hallenbad. Die 46 m lange Wasserrutschbahn und das neue Bistro waren noch die kleineren Posten, hauptsächlich wurde in die Haustechnik investiert. Mit der Sanierung einher ging die Anpassung des Betriebskonzepts bei höherem Personalbedarf. Das Resultat: Anstelle einer prognostizierten Senkung des Jahresdefizits unter 200 000 Franken stieg dieses stetig an: «Der operative Verlust schwankt zwischen 250 000 und 300 000 Franken pro Jahr, dazu kommen rund 170 000 Franken Abschreibungen», sagt Rainer Schaub.
Damit kommt der jährliche Defizitbetrag nahe an denjenigen des Frei- und Hallenbades Frick heran, welches in den vergangenen Jahren zwischen 300 000 und 500 000 Franken Jahresverlust auswies. Abgefedert werden die Fehlbeträge hier vom 1600-Seelen-Dorf Sisseln und dort von der Zentrumsgemeinde Frick mit heute 5300 Einwohnern, also von dreieinhalb Mal mehr Einwohnern, womit sich rein rechnerisch eine ungleich höhere durchschnittliche Belastung des Hallenbaddefizits für die Sissler ergibt. Berücksichtigt werden muss beim Vergleich auch der Umstand, dass das Sissila kein Freibad hat und deshalb während dem Sommer vergleichsweise wenig Einnahmen generiert.
Die zweite Notwendigkeit einer Korrektur ergab sich aus Friktionen, hervorgerufen durch gleichzeitig unterschiedliche Nutzungen. Das Sissila wird von rund zwanzig Schulen aus dem Fricktal und dem grenznahen deutschen Raum, von der SLRG mit ihrer Schwimmschule mit 22 Kursen, von weiteren privaten Schwimmschulen, von verschiedenen Vereinen, Clubs und Einzelpersonen genutzt. Es weist jedoch bloss vier Schwimmbahnen auf. «Deren unterschiedliche Nutzungen zu den gleichen Zeiten ergaben Konflikte und Engpässe», sagt der Gemeindeammann. Je nach Nutzergruppe mussten gewisse Bahnen oder das Sprungbrett gesperrt werden, was im Parallelbetrieb für beide Parteien immer Einschränkungen nach sich zog.
Eine dritte und vierte Notwendigkeit der Überarbeitung des Betriebskonzepts habe sich aus der rückläufigen Entwicklung der Eintrittszahlen und aus dem fehlenden Einbezug der Erfahrung anderer Hallenbäder ergeben, so Rainer Schaub. Ziel und Zweck sei jedenfalls die jährlichen Betriebsdefizite ab 2019 gegenüber bisher um 100'000 Franken geringer zu halten.

Was ändert sich für die Benutzer?
Gemäss Rainer Schaub war der Ansatz zur Gestaltung eines neuen Betriebsreglements die isolierte Betrachtung der einzelnen Nutzungen. «Dies ermöglichte uns die unterschiedlichen Nutzungen zeitlich zu trennen. Ins­künftig wird das Bad nicht mehr bahnenweise, sondern nur noch komplett vermietet.» Damit seien die Konflikte und Engpässe aus der Welt geschafft  worden. Die Komplettvermietung erfolgt gemäss einem pauschalen Stundenansatz (inklusive Eintritt), was beispielsweise eine Untervermietung ermöglicht. So oder so wird der administrative Aufwand auf ein Minimum reduziert.
Andererseits habe man mit dieser Nutzungstrennung die Personaleinsätze für die unterschiedlichen Nutzergruppen optimieren können. Damit war ein weiterer Kostentreiber eliminiert. Neu müssen die Schulen die Schwimmaufsicht selbst organisieren. Die Vereine und Kursanbieter benötigen keine Beckenaufsicht. Somit kann der Badmeister neu während diesen Zeiten Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten zugunsten der öffentlichen Nutzung vornehmen, ist aber im Gebäude anwesend. Damit entfällt auch der bislang an eine externe Reinigungsfirma vergebene Auftrag.

Geänderte Öffnungszeiten
Die Öffnungszeiten erfuhren ebenfalls Änderungen: An den bisher umsatzschwächsten Tagen Montag und Freitag ist das Sissila für die Öffentlichkeit komplett geschlossen, jedoch am Dienstag von 16.30–21.30 Uhr, Mittwoch 15–21.30 Uhr, Donnerstag 16.30–21.30 Uhr, Samstag 14–19 Uhr und Sonntag 10–19 Uhr geöffnet (ebenso Bistro und Sauna). Für das Schulschwimmen reserviert ist das komplette Bad am Montag 8–15 Uhr, am Dienstag 8–15 Uhr, am Mittwoch 8–12 Uhr, am Donnerstag 8–15 Uhr und am Freitag 8–12 Uhr (Bistro und Sauna geschlossen). Den Vereinen und Kursanbietern bleiben der Montag 16–21.30 Uhr, Freitag 15.30–21.30 Uhr und Samstag 8–13 Uhr (inklusive Bistro, Sauna geschlossen).

Für kleinere Schulen wird’s günstiger
Gemäss Zielvorgabe sind die Anpassungen der Preise für Schulen, Vereine und Kursanbieter auf Basis von Vollkosten erfolgt, so der Gemeindeammann. Dadurch verändern sich die Miet- bzw. Benützungskosten teilweise erheblich, werden aber durch den Wegfall der Aufsichtskosten beim Schulschwimmen und durch die inbegriffenen Eintrittspreise bei der Vermietung an Vereine und Schwimmschulen abgemildert. «Die Hallenbadnutzung wird für einige Nutzer teurer, für andere bleibt sie in etwa gleich, für andere wird sie günstiger», schätzt Rainer Schaub, «tendenziell wird es für grössere Schulen teurer, für kleinere günstiger.»
In ihrer mit 313 Unterschriften versehenen Petition weist die SLRG Sektion Fricktal unter anderem darauf hin, wenn das Hallenbad an zwei Abenden für die Bevölkerung ab 17 Uhr geschlossen sei, werde es für die Bevölkerung immer unattraktiver, spontan schwimmen zu gehen. Durch diese Massnahme würden Jahres­abonnements unattraktiv. Sie fragt sich auch, wie ihre 22 Schwimmkurse und zusätzliche Vereine auf einen Vormittag und zwei Nachmittage respektive Abende verteilt werden können. Dazu hält der Gemeindeammann fest, die Anzahl Eintritte von Einzelpersonen sei abnehmend gewesen, die Nutzung des Hallenbades durch Einwohner von Sisseln «sehr bescheiden». Bezüglich der Kursverteilung bittet der Gemeindeammann um Geduld: Zeige sich, dass Anpassungen beim neuen Betriebskonzept nötig sind, würde der Gemeinderat, zusammen mit der neu gegründeten Betriebskommission, diese auch vornehmen. Es sei nichts in Stein gemeisselt, es brauche einfach eine gewisse Zeit, um die  entsprechenden Erfahrungen mit dem Neukonzept sammeln zu können und zu erkennen, was sich bewährt und was nicht.
Spürbar teurer wird es für die bisherige Intensivnutzerin SLRG Sektion Fricktal. Dazu Rainer Schaub: «Die SLRG profitierte jahrzehntelang von sehr tiefen Preisen. Wir sind ihr bei der Neukonzeptionierung im Rahmen unserer Möglichkeiten wieder mit Spezialkonditionen und anderen Zugeständnissen entgegengekommen und anerkennen damit weiterhin ihre wichtige Aufgabe.» Es könne jedoch nicht sein, dass die Sissler Steuerzahler ein strukturelles Problem eines fricktalischen Vereins lösen,  deshalb stelle sich die Frage: Wem ist das Sissila wie viel wert?

Was ändert sich für das Personal?
Die Stellenprozente im Sissila bleiben sich gleich. Es wurde niemand entlassen oder eingestellt, sondern es gab bloss Umverteilungen von Aufgaben. Neu wurde die Stelle eines Betriebsleiters definiert, der für Technik, Badebetrieb, Organisation und Administration gleichermassen zuständig ist und als zweiter Badmeister amtet. Denn vieles sei bis heute am Gemeinderat gehangen, so Rainer Schaub. Eingeführt wurde auch die Jahresarbeitszeit, was die Erarbeitung neuer Schichtpläne, aber auch neuer Arbeitsverträge wegen der Pensenanpassungen zur Folge hatte.

Was ändert sich für die Gemeinde?
Für die Gemeinde fallen externe Kosten weg, ohne den Personalbestand aufstocken zu müssen. Darüber hinaus reduziert sich der administrative Aufwand, denn der Betriebsleiter übernimmt die Aufgaben, es werden keine Einzelbahn-Vermietungen und Einzelabrechnungen mehr gemacht. Und die Vollkostenrechnung mitberücksichtigt, dürfte der operative Jahresverlust des Hallenbades ab 2019 um rund 100 000 Franken reduziert bleiben, schätzt der Gemeindeammann. «Wir Sissler tragen mit dem Defizit seit vielen Jahren eine soziale, regionale und sportfördernde Verantwortung. Wir sprechen da von rund zehn Steuerprozenten, die wir für ein regionales Hallenbad investieren», sagt er, «also dürfen wir doch immerhin dafür sorgen, in Zukunft etwas weniger Geld zu verlieren als bisher.»

Dominik Senn